Zwei Wochen auf einer einsamen Insel

Verfasst am



In der glühenden Sonne smaragdgrün leuchtendes, kristallklares Wasser direkt vor unseren Füßen geht gemächlich über in ein sattes Blau, das vom Riff rund um die Insel gebildet wird und schließlich am Horizont vom ebenso gefärbten Himmel verschluckt wird. Zwischen den Korallen des Riffs tummeln sich Anemonenfische, Papageifische, Riffbarsche, sich gegenseitig jagend, beschnuppernd, spielend, völlig unbeirrt vom schnorchelnden Eindringling, der dieses vollkommene, farbenfrohe, fast schon kitschig wirkende Ökosystem kaum zehn Meter weit vom Ufer entfernt, in seiner Pracht kaum fassen kann. Die schief stehenden Kokospalmen überwuchern derweil unser handgemachtes Hängemattenlager und geben vom Schattenplatz den Blick auf das Meer frei. Die luftige Brise macht die Hitze angenehm, daher reichen kein oder ein Kleidungsstück vollkommen aus. Es könnte das Paradies sein, wäre da nicht der trockene Mund, der knurrende Magen, die dadurch bedingte Antriebslosigkeit und der Hai, den wir beim Schnorcheln eines Tages sichten und der uns daraufhin den unbeschwerten Spaß am Schwimmen, Fischen und Harpunieren etwas trübt. In sinnesvernebelter Trance durch Nahrungsmangel und Hitze stiere ich stundenlang auf die Weite des Meeres, lasse die konfusen Gedanken treiben, sie von den Schaumkronen der Brandung durchwirbeln und in alle Richtungen neu ausspucken, bis ich endlich Kräfte sammeln kann, um die Tagesaufgaben “auf Palme klettern und Kokosnüsse ernten” sowie “Feuer mit nassem Holz machen, um das modrige Brunnenwasser abzukochen” auf wackligen Beinen zu beginnen.

Leben auf einer einsamen Insel. Spätestens seit “Robinson Crusoe”, “Cast away” oder “Wild island” im Fernsehen ist das kein ungewöhnliches Gedankenspiel mehr. Warum und wann die Idee entstand dieses Experiment in einem Selbstversuch zu adaptieren, erinnere ich nicht mehr genau. Der Versuch selbst oder über Kontakte eine passende Insel zu finden und dann die bürokratischen Rahmenbedingungen zu schaffen (Aufenthaltsgenehmigung, wem gehört die Insel? Wie komme ich hin und wieder weg?) waren wie vermutet schwierig. Doch dann entdecken wir tatsächlich einen Reiseveranstalter für Exkursionen auf verlassene Inseln. Nun geht alles schnell: Wir suchen uns eine Insel aus dem Portfolio aus und fixieren einen Termin.

Wir haben uns vorbereitet, möchten aber beim Packen den Spagat zwischen zu wenig und zu viel Gepäck schaffen. Schließlich soll noch ein Funken Herausforderung und Survival übrig bleiben. Wichtigste Ausrüstungsgegenstände sind die Hängematte mit Moskitonetz und Dach sowie die Machete. An Verpflegung nehmen wir 10 kg Reis, etwas Knoblauch, 20 l Wasser und zwei Flaschen Rum mit, wollen aber versuchen den Reis möglichst wenig anzutasten. Schnell zeigt sich auf der Insel, dass die Nahrungsbeschaffung immer mit viel Arbeit verbunden ist:

• Wasser vom Süßwasser-Brunnen abkochen benötigt eine halbe Stunde Fußmarsch. Zwei Liter fasst der Topf, aber beim Laufen schwappt so einiges raus. Anschließend müssen wir Feuer mit nassem Holz machen, um die muffige Brühe abzukochen.

• Kokosnüsse gibt es in Massen. Rund um die Insel reiht sich Palme an Palme. Nur muss man die Nüsse eben ganz oben ernten, herunter gefallene Nüsse sind verdorben. Einige wenige Palmen sind nur 5 m hoch, aber die haben wir schnell abgeerntet. Später müssen wir höher hinaus klettern und mit der einen Hand am Stamm festhaltend eine Kokosnuss nach der anderen fünf mal im Kreis drehen, bis sie unten auf den Strand plumpst. Oben auf einer hohen Palme abseits der Zivilisation herumzuturnen, ist nicht nur mulmig, sondern auch kräftezehrend.

• Beim Fischen haben wir wenig Glück: Feste Fischfallen, Handangel, Reuse und Harpune bringen nicht den gewünschten Erfolg. Die Harpune ist generell sehr effizient, aber die Reichweite ist zu niedrig für die größeren und eher scheuen Fische. In knapp zwei Wochen fangen wir daher nur vier Fische. Ohnehin ist die fischreiche Unterwasserwelt so farbenfroh und bunt, dass ich sie lieber anschaue als sie zu essen.


So kommt es, dass wir eigentlich nichts anderes verzehren als den mitgebrachten Reis und Kokosnuss-Fruchtfleisch. Insgesamt kommen wir damit täglich auf weniger als 1000 kcal pro Person. Zwischen zwei Mahlzeiten vergehen 24 Stunden, da wir nicht mehrfach am Tag Feuer machen wollen. Unsere Körper reagieren sehr opportunistisch, denn wir fühlen uns zwar etwas matt, ansonsten geht’s uns aber gut und wir sind weder hungrig noch durstig, worüber wir selbst etwas erstaunt sind.
Wäre es ķompletter und unvorbereiteter Survival im Sinne eines Strandens nach einem Schiffbruch ließe es sich sogar eine geraume Zeit nur mit Kokosnüssen überleben. In großen Exemplaren finden sich 600 ml Flüssigkeit plus das nahrhafte Fruchtfleisch.


Anfangs vergehen die Tage schnell, wir kümmern uns um Fische, Kokosnüsse, Wasser und unser Lager. Irgendwann stellt sich aber die Routine ein und wir haben sehr viel Freizeit, um das eigentlich wunderschöne, aber dennoch ziemlich monotone Inselleben auszugestalten. Gut also, dass wir reichlich Lesestoff dabei haben, denn für große körperliche Aktivitäten fehlt uns die Energie.


Am einem Morgen setze ich mich auf den feinen weißen Sand direkt am Rande der Brandung und genieße den Seewind, der mir kühlend über die Haut rauscht. Viele Stunden sitze ich da und denke ohne Langeweile zu verspüren. Ich weiß nicht, ob ich in meinem Leben schon einmal so intensiv dachte. Wann hat man schon mal so viel Zeit und Ruhe? Längst wieder vergessene Kindheitserinnerungen kommen hervor. Die Wege zu Erinnerungen sind unerschöpflich. Manchmal starte ich mit einer Person und gehe alle gemeinsamen Erlebnisse durch. Manchmal überlege ich nach den schönsten oder traurigsten Erlebnissen eines Jahres oder versuche Ereignisse in die richtige Chronologie zu bringen. Die intensivsten Geschichten schreibt das Gehirn. Ein kleiner Krebs piekst an meinen Fußzeh und zieht sich schreckhaft wieder in sein Muschelgehäuse zurück. Stunden sind vergangen. Die Erinnerung hat gesiegt und mir viele neue Ideen und Gedanken gebracht. Menschen aller Länder, denkt mehr!

Wir sind uns einig, dass keiner von uns je so lange von der Außenwelt abgeschnitten war. Es hätte ein Atomkrieg oder die Kokosnuss-Epedemie ausbrechen können, wir hätten es nicht gemerkt. Kein Handyempfang, kein Satellitentelefon, keine Möglichkeit der Kontaktaufnahme. In einer Zeit, wo alles abgesichert, versichert und mit doppeltem Boden versehen wird, ist dies unser Selbstversuch, der auf archaische Weise bereichernd ist und der mir, so wie viele Reisen, nach allen Traumstränden und pflückfrischen Kokosnüssen auch immer wieder verdeutlicht, wie wunderbar Deutschland ist und wie sehr ich Familie, Freunde, Arbeit und den Alltag liebe. Das Zweitschönste an Reisen, die so außergewöhnlich sind, dass sie deinen Körper und Verstand an ihre Grenzen bringen, ist die Rückkehr und das Wissen um eine prosperierende Heimat.




8 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Sehr schön geschrieben lieber Teen und eine wunderbare Heimreise euch.
    Ich freue mich dass ihr wieder da seid und die zeit genossen habt.
    Ach und übrigens….ich will mehr Bilder sehen ;-)

  2. Hi Valli,

    heut morgen habe ich noch in Erwägung gezogen, dir mal zu schreiben und zu fragen, was du so für Pläne hast und jetzt lese ich von dir von der einsamen Insel. Gefällt mir sehr gut! :)

  3. Hei Moritz,
    Anerkennung für den Autor,ein gelungener Start in die Welt der Zunft der schreibenden Zunft.Hat mir sehr gefallen.Opa

Hinterlasse einen Kommentar zu Guenther Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *