Mit Kleinkind über die Alpen

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Lange hat es gedauert bis ich nach Geburt unseres Sohnes überhaupt wagen konnte über eine längere Fahrradtour nachzudenken, an eine richtige Radreise schon mal überhaupt nicht. Zum Ende des ersten Lebensjahres fing es dann langsam an, dass er nicht direkt nach den ersten Metern schrie wie am Spieß, ohne irgendwann damit aufzuhören, sondern es tatsächlich genoss. Nur langsam habe ich mich “mehr” getraut. Erst war es nur eine kurze Fahrt zum Bäcker, dann etwas länger im Ort, später mal in die Stadt oder eine mittelgroße Radtour. Louis fing an im Anhänger einzuschlafen (sich also darin wohl und geborgen zu fühlen) und meine Pläne wurden langsam größer.

Ein zweiwöchiger Zeitslot Ende Juli bot sich für eine Radreise an und sogleich überlegte ich nach passenden Routen mit nicht zu langer Anreise und guter Infrastruktur. Skandinavien? Wetter zu unsicher. Rhône-Radweg? Schon gefahren. Canal du Midi in Südfrankreich? Anreise zu lang, Rücktransport schwierig. Via Claudia Augusta über die Alpen nach Verona? Klingt herausfordernd und ziemlich spannend! Ich war sehr zögerlich, ob das mit Kleinkind als erste große Radreise wirklich funktionieren kann und habe daher unserem Tandem einen Elektroantrieb spendiert, um vorzubeugen, dass wir mit quengelndem Filius stundenlange Passstraßen hinaufkriechen. Das würde uns sicher allen Dreien den Spaß verderben.
Und nach erster Probefahrt mit vollgeladenem Tandem, drei Personen und Anhänger mit einem Systemgewicht von 250 kg war dann auch klar: Das geht nahezu gar nicht ohne Motor. An einem steilen Berg kann ich uns zwar unter höchster Anstrengung gerade noch nach oben treten, aber auf Schotter dreht das Hinterrad dann durch. Wir sind mit unserem “Road Train” einfach zu schwer.

Noch mehr technische Details:
Um das Problem der einseitigen Kraftübertragung am Hinterrad zu beheben, musste ein Vorderradmotor her, auch weil ein Mittelmotor bei unserem Tandemrahmen keine Anbaumöglichkeit bietet. Aufgrund des hohen Gewichts benötigten wir hier einen der drehmomentstärksten Motoren auf dem Markt, gepaart mit einem extrem leistungsstarken Akku. Beides habe ich gefunden, bestellt und in mehreren Schrauber-Tagen am Tandem montiert. Insbesondere die extradicke Nabenachse, Drehmomentstützen, Akkuhalterung und Abnehmer für die Trittfrequenz brauchten allesamt eigene Basteleien, um mit unserem Tandem kompatibel zu sein. Nur einen Tag vor Anbruch unserer großen Tour konnten wir die erste Probefahrt machen. Glücklicherweise: Alles funktioniert und die Kraft des Motors ist tatsächlich beeindruckend!

Tandem auf's Auto? Kein Problem!

Tandem auf’s Auto? Kein Problem!

Wir fahren mit unserem Auto nach Füssen und statten meiner Tante vorher im Großraum München noch einen Besuch ab. Das Wetter ist trist-trüb und regnerisch. Stundenlang brausen wir durch nicht enden wollende Regenfelder und fragen uns, ob das Tandem auf dem Dach und unsere wahnwitzige Idee nicht doch irgendwie erzwungen und leichtsinnig sind.
Wir beginnen unsere Reise mit einem Besuch von Schloss Neuschwanstein und schieben das Kind neben Chinesen, Japanern und Holländern den steilen Pfad hinauf und quetschen uns mit quengelndem Kind auf die Marienbrücke, wo man eigentlich den atemberaubenden Blick auf das Schloss und die dahinter liegenden Seen genießen könnte, aber wir nur damit beschäftigt sind Louis bei Laune zu halten. Also wandern wir wieder runter nach Schwangau und fahren mit dem Auto ins nahe gelegene Füssen, stellen unser Auto ab und beladen das Tandem.

Blick auf Schloss Neuschwanstein von der Marienbrücke.

Blick auf Schloss Neuschwanstein von der Marienbrücke.

Endlich geht es los!

Endlich geht es los!

Schon nach ein paar Metern passieren wir die Grenze nach Österreich. Louis schläft selig im Anhänger ein und wir beginnen bei bester Laune (nach kurzem Diskurs über eine in die Packtaschen ausgelaufene Brokkolipampe) die wohl beste Reise meines Lebens.

Schnell wird klar, warum ich das Radreisen so liebe: Tage mit ungeplantem Verlauf und Ausgang, immer wechselnde Situationen und Möglichkeiten. Schon am ersten Tag sind wir etwas ratlos als wir uns bei einem starken Schauer unterstellen. Der Campingplatz in der Nähe wirkt absolut trostlos. Wir entscheiden uns weiter zu fahren. Kaum zu glauben, dass der Berg wirklich zur geplanten Strecke gehören soll. Über 20% Steigung auf Schotter, der Motor quietscht vor Belastung und nach 200m geht auch bei mir nichts mehr. Sarah und Louis laufen nebenher und dann schaffe ich es gerade so die schwer beladene Fuhre nach oben zu bekommen. Bei nasskaltem Nieselwetter entscheiden wir uns in der “Klause” ein Zimmer zu einem sehr (!) teuren Preis zu nehmen. Immerhin sind das Abendessen und Frühstücksbuffet lecker und lohnenswert. Und da wir irgendwie auch überhaupt nicht vorbereitet sind, entdecken wir wie zufällig die “weltgrößte Hängebrücke” direkt über dem Hotel. Am nächsten Morgen zeigt sich, wer hier in der Familie absolut keine Höhenangst hat.

Weiche Knie auf der highline179.

Weiche Knie auf der highline179.

Wir passieren Lermoos und Biberwier mit Blick auf die Zugspitze und genießen jeden Moment dieses Freiheitsgefühls. Nahezu im Minutentakt kommt ein neues Highlight: Ein kristallklarer Fluss, eine eindrucksvolle Bergkette, ein türkisgrüner See oder ein schattiger Waldweg. Die Via Claudia Augusta, ein zum Radweg ausgebauter alter römischer Handelsweg von Donauwörth nach Venedig, ist ohne Zweifel der tollste Weg, den ich je gefahren bin. Und das mit der ganzen Familie bei perfektem Wetter genießen zu können, ist für mich der Inbegriff von Glück.

Es klappt einfach alles: Selbst beim langen und zähen Aufstieg zum Fernpass in der brutzelnden Sonne ohne Rastmöglichkeit versteht Louis den Ernst der Lage und lässt uns in Ruhe ackern. Das war sehr gut und auf dem Weg nach unten belohnen wir ihn und uns mit einem Bach und tausend Kieseln zum Werfen. Hierbei warnt uns ein anderer Radler, der gerade den hier beginnenden Trail zur Abfahrt wieder hinauf geschoben kommt, dass die kommende Passage für uns unfahrbar sei: Nur für Mountainbikes mit wenig Gepäck. Wir nehmen also die vielbefahrene Passstraße und sind dafür in zehn Minuten schon am Tagesziel angekommen: Der Fernsteinsee mit dem klarsten Wasser, das ich je in einem See gesehen habe. Louis jauchzt vor Glück und wir schlafen später glücklich und geschafft in unserem Zelt ein.

Idylle am Weißensee kurz vor dem langen Anstieg zum Fernpass.

Idylle am Weißensee kurz vor dem langen Anstieg zum Fernpass.

Und auch der nächste Tag ist wie aus dem Bilderbuch: Nahezu unzählige liebevolle Spielplätze an der gut beschilderten Fahrradstrecke und nette Begegnungen prägen den Tag. Mehrere Zufälle führen uns zu einem tollen Abend: Wir verpassen ein Ortschild und fahren versehentlich weiter als wir wollen. Anschließend begutachten wir einen Campingplatz, der uns nicht gefällt und einen Zweiten, der ausgebucht ist. Die nächsten 30 (bergauf-)Kilometer käme auch nichts mehr. Wir schauen uns also im Dorf um und finden einen netten Tierarzt, der uns in seinem großen Garten schlafen lässt. Ganz ohne nervige Campingplatzgeräusche. Und da es noch früher Nachmittag ist, verbringen wir am nahe gelegenen Badesee, den Sarah tatsächlich mit “das ist der schönste See, in dem ich je geschwommen bin”, betitelt, bei Livemusik (jeden Mittwoch – und, oh Wunder, es ist: Mittwoch!) und einem schattigen Plansch-Platz für Louis im knöcheltiefen Wasser einen wundervollen Abend. Unser Abendessen köchelt auf der Badesee-Picknickbank während Louis stundenlang Sand in Eimer füllt und sich von den herumtobenden Kindern nicht beirren lässt. Wir sind einfach nur glücklich. Kurz vor Sonnenuntergang fahren wir in den Tierarzt-Garten, bauen schnell unser Zelt auf und schlafen bei meditativem Kuhglocken-Gebimmel irgendwann ein.

Ein traumhaft schattiger Radweg an der Inn.

Ein traumhaft schattiger Radweg an der Inn.

Der Morgen nach dem Campen beim Tierarzt. Louis läuft direkt zum Anhänger, steigt hinein und ruft "weiter, weiter"!

Der Morgen nach dem Campen beim Tierarzt. Louis läuft direkt zum Anhänger, steigt hinein und ruft “weiter, weiter”!

Die 12 Kehren zur Norbertshöhe.

Die 12 Kehren zur Norbertshöhe.

Was nun ansteht, klingt schweißtreibend und anstrengend – erst recht bei über 30°C im Schatten. Zuerst der Gebirgspass Norbertshöhe mit 1405 Metern und etwas später der Reschenpass mit seinen 1505 Metern. Die zwölf Kehren der Serpentinenstraße sind durchnummeriert und so spornt uns der Countdown zum ersten Gipfel reichlich an (noch vier, noch drei, …!).
Ein kühles Radler mit unserer selbst mitgebrachten mediterranen Vesper im Schatten des eindrucksvollen Bergpanoramas, und dann sind die alkoholisch euphorisierten letzten Meter über den Pass auch kein Problem mehr. Italien begrüßt uns mit einem umwerfenden Blick auf den Reschensee. Und obwohl wir noch mitten in den Alpen in Südtirol sind, haben wir doch die Berge hinter uns – ab jetzt geht es tendenziell nur noch bergab.

Die Wassersprenger für die Apfelplantagen sind eine willkommene Abkühlung bei der Hitze.

Die Wassersprenger für die Apfelplantagen sind eine willkommene Abkühlung bei der Hitze.

Wir durchradeln Meran, Bozen und Trient bei unglaublicher Hitze und versuchen trotzdem noch etwas von den Städten mitzunehmen. Wir erkunden sie daher vorrangig kulinarisch und hydrophil, also mit Eis, Pizza und Planschen am Fluss für Louis. Vom innerstädtischen Campingplatz in Meran sind es nur zwei Fahrradminuten bis ins Zentrum zum besten Pizzamann der Stadt.
Uns fällt auf, dass die Lebensqualität in Südtirol sehr hoch ist. Liebevoll angelegte Parks, Spielplätze, Badestellen am Fluss und eine enorm gute Infrastruktur für alle Dinge des täglichen Bedarfs betten sich ein in die Bergwelt, aber mit warmem Klima. Die Tiroler Bodenständigkeit trifft auf italienisch-mediterranes Lebensgefühl und vermischt sich zu einem interkulturellen Kompott, das uns begeistert. Hier ließe es sich tatsächlich gut leben.

Campingplatz mit Schwimmbad in Meran

Campingplatz mit Schwimmbad in Meran

Planschen im Talferbach in Bozen

Planschen im Talferbach in Bozen

Je weiter südlich wir kommen, desto unbarmherziger brennt die Sonne von oben. 36°C im Schatten und seit einer Woche kein Regen prägen das Klima. Lustigerweise ist es bei diesem Wetter aber in der Tat noch das Beste auf dem Fahrrad zu sitzen, denn der Fahrtwind macht die Hitze noch einigermaßen erträglich.
Eigentlich sollte unsere Tagesetappe in Trient enden, aber an einem brüllend heißen Sonntag war die Stadt wie ausgestorben und einen Campingplatz gibt es nicht. Entweder ein stickiges Hotelzimmer für einen dreistelligen Euro-Betrag oder noch mal 40 km zum nächsten Camping? Wir beißen uns durch und werden mit einer Oase belohnt, nur ein paar Kilometer vom Gardasee entfernt. Gerade mal eine Hand voll Wohnmobile sind da und ein paar Radfahrer zelten auf einer riesigen Wiese, die an allen Ecken und Enden mit liebevollem Kinder-Unterhaltungsprogramm ausgestattet ist: Sandkasten, Rutschen, Swimmingpool, Schaukeln, Spielzeugbagger und so weiter…
Für uns gibt es vom Campingladen das vom Inhaber selbst gebraute Craftbier mit Traubenmost der angrenzenden Weinreben.
Am nächsten Tag fahren wir für einen Tagesausflug zum Gardasee herunter und sind erst einmal überwältigt von den Touristenmassen, die sich wie Sardinen auf den schmalen Kieselstrand quetschen und, etwas weiter hinten, in Souvenirläden und Restaurants austoben. Wir waren beide noch nie am Gardasee, das hier ist also Neuland für uns. Das Wasser ist herrlich und bei ziemlichem Wellengang genießen wir die Abkühlung, drehen noch eine Runde, um die Orte an der Nordküste des Sees zu erkunden und lassen dann den See und den Trubel hinter uns, um den Rest des Tages in unserer Campingoase zu verbringen.
Es wäre toll gewesen den See mit dem Rad zu umrunden, aber das Großprojekt “Garda by Bike”, das einen 140 km langen Rundweg zum Ziel hat, ist noch lange nicht fertig. So gibt es nur viel befahrene Straßen als unschöne Alternative.

Wir dösen noch im Halbschlaf und beobachten den Trampolin-springenden Louis aus dem Zelt.

Wir dösen noch im Halbschlaf und beobachten den Trampolin-springenden Louis aus dem Zelt.

Morgendliche Radfahrer-Aufbruchstimmung am Campingplatz

Morgendliche Radfahrer-Aufbruchstimmung am Campingplatz

Der letzte Streckenabschnitt führt also zurück an die Etsch und dann bis nach Verona. Der Radweg schlängelt sich am Fluss entlang, bietet spektakuläre Ausblicke auf Burgen und durchkreuzt Weintrauben-, Apfel-, und Kiwiplantagen.
Unser anvisierter Campingplatz ist komplett ausgebucht. Aber wie immer auf dieser Reise haben wir Glück und dürfen zwischen den Weinreben zelten, die den Campingplatz umgeben. Für uns optimal, denn wir dürfen den Swimmingpool nutzen und genießen alle Annehmlichkeiten, sind aber vor schnarchenden, lärmenden Campern geschützt und zelten erholsam in der Natur. In dieser extrem heißen Nacht tun wir das sogar ohne unser Überzelt, so dass wir, auf dem Rücken liegend, den klaren Sternenhimmel beobachten können, der sich am Rande der Weinreben-Silhouette abzeichnet, während Louis’ sanftes Schnarchen auf einen anstrengenden, ereignisreichen Tag hindeutet.

Ein letzter Blick auf den Gardasee

Ein letzter Blick auf den Gardasee

Nach einem letzten Bad im nahe gelegenen Gardasee erreichen wir an einem schönen Kanalradweg Verona, das Ziel unserer Alpenüberquerung. Wir quartieren uns in einem Zimmer ein und erlaufen uns die Sehenswürdigkeiten – allen voran den Balkon aus der Balkonszene von “Romeo und Julia”, begleitet von reichlich Eis und Pizza als Belohnung für unsere Strapazen.

Eine wirklich unglaublich schöne Reise geht zu Ende: Die erste Radreise mit der ganzen Familie. Und darüber, wie perfekt alles geklappt hat, bin ich wirklich sehr dankbar. Wir hatten keinen Regen, keine Pannen und haben profitiert von tollen Angeboten für Kinder, super Radwegen, atemberaubenden Ausblicken, rasanten Abfahrten, kristallklaren Gebirgsseen, gutem Essen, Trinkwasserbrunnen alle paar Kilometer und einfach einer schönen Zeit zu Dritt.

Alle Zweifler mit und ohne Kind: Via Claudia Augusta – von uns ein klares “ja”!


7 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hammer…ihr seid soooo mutig . Find ich mega klasse und es ist immer wieder schön eure Erfahrungen zu lesen…
    Bitte immer mehr davon..
    Ihr seid schon der Hammer!

  2. Mir stehen die Haare zu Berg, wenn ich über eine solche Reise mit Kind nachdenke. Aber Euer Bericht ist wunderschön und hochinteressant zu Lesen. Die Eindrücke sind sehr interessant und etwas Besseres als gemeinsam Urlaub zu machen ,gibt es für Kinder nicht.

  3. Ich freue mich darüber, dass eure erste Tour mit dem Junior so gut gelungen ist. Ich freue mich aber auch ganz besonders darüber, dass es immer wieder Menschen wie euch gibt, die entgegen oft vorgetragener Bedenken einfach ihr Ding machen und eine solche Tour/Reise auch mit Kleinkind wagen. Louis kann sich glücklich schätzen, solche Eltern zu haben.

    PS
    Vielen lieben Dank für eure Ansichtskarte aus Meran, die ist heute angekommen. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

  4. Lieber Louis, deine Eltern sind ein wenig verrückt und sehr mutig. Wenn du lieber nur Eis und Pizza essen möchtest ohne tagelang im Anhänger zu sitzen komm einfach zu mir. Deine Tante Lili, die froh ist euch alle heil wieder hier zu haben!

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