Doppeltandems in Ostasien

Golfplatz-Vampire

von Valentin · 28. September 2025 · 4 Min. Lesezeit · Doppeltandems in Ostasien 2025
Golfplatz-Vampire

Wir sind bereits über eine Woche in Südkorea und haben außer am Flughafen und in Seoul keine nichtkoreanischen Touristen gesehen. Außerdem spricht so gut wie niemand Englisch und die Übersetzungsapp ist nicht immer sinnvoll einzusetzen. Kommunikation findet daher oft ohne Sprache statt.
Wir werden reichlich beschenkt. Ein Rennradler-Pärchen schenkt Louis einen Apfel. Im Restaurant wird der Betrag für uns abgerundet. Man schenkt uns Süßigkeiten, verrückt schmeckende Bananenchips, Limo in der Dose mit echten Weintrauben darin, Vitamin-C-Pulver und, besonders kurios: eine Frau drückt Sarah im Supermarkt eine angebrochene Reiswaffel in die Hand. Ähh, danke! Oder auf koreanisch: 감사합니다, Gamsahamnida. Wir haben lange an der Aussprache geübt. Auf dem Tandem hat man Zeit für sowas.

Frau hält Reiswaffel im Supermarkt vor Kühlregal mit Gemüse

Südkorea hat den Import von Früchten (wie z.B. Äpfeln) verboten, um die heimische Produktion zu fördern. Diese muss aber gut mit ihren knappen Anbauflächen haushalten, da der größte Teil des Landes bergig ist. Dazu kommt, dass jede Frucht für die Koreaner eine perfekte Optik haben muss, daher entwickeln Landwirte spezielle Methoden, um die Makellosigkeit ihrer Obstsorten zu optimieren. Das treibt die Preise ordentlich in die Höhe und so wird Obst nur alle paar Tage gegessen und dient oft als Geschenk. Jetzt verstehe ich auch, warum im Supermarkt die Äpfel fein säuberlich zu sechst aufgereiht in einer edlen Verpackung für umgerechnet 30 Euro verkauft werden. Und das rückt auch die monetäre und emotionale Wertigkeit von Louis Apfel-Geschenk in ein anderes Licht. Auch das Vitamin-C-Pulver macht so Sinn – eine natürliche Aufnahme über die Nahrung scheint in der breiten Bevölkerung zu kostspielig zu sein.

Teure Mangos in Extra-Extra-Verpackung
Teure Mangos in Extra-Extra-Verpackung

Welcher Tag ist heute? Ich weiß es nicht. Die Zeit verschwimmt. Radeln, essen, reden, Eindrücke aufsaugen, Zelt auf, Zelt ab, repeat.
Die Dämmerung setzt ein. Der Proviant ist aufgebraucht, Handy-Akku geht zur Neige, Unterkunft oder Schlafplatz unklar. Es kühlt langsam ab, aber die Kleidung klebt uns auf der Haut nach einer schweißtreibenden Etappe unter grillender Sonne. Viele Fragezeichen: Wie geht der Tag (möglichst gut) zu Ende? Nur die Ruhe bewahren, meist fügt sich alles. Ein Toilettenhäuschen an einem Fußballplatz taucht auf. Innen hängt ein Schlauch, den wir für eine Outdoor-Dusche zweckentfremden, während, wie immer auf öffentlichen Toiletten, eine italienische Oper aus den Deckenlautsprechern trällert. Kurz darauf stellen wir unser Zelt neben einem Golfplatz auf und fahren dann ein paar Minuten in die Stadt, um ein Shabu Shabu (ein Brühfondue) mit All-you-can-eat-Buffet zu genießen – nur 20 Euro für einen ganzen Tisch voller Essen!

Shabu-Shabu-Fondue
Shabu-Shabu-Fondue

Zurück im Zelt, die Kinder schreiben und malen Tagebuch. Wir hatten keine Bedenken, dass sich zwischenzeitlich irgendwer an unserem Zeit herumtreibt. Überall hängen Überwachungskameras, sogar im Wald, und generell sieht man wenige Menschen draußen, selbst in großen Städten. Die Koreaner halten sich oft lieber im klimatisierten Drinnen auf. Wir fühlen uns extrem sicher, sogar die Fahrräder stehen oft unabgeschlossen mit Gepäck vor dem Supermarkt oder einem Tempel, den wir besichtigen. Der Abend nimmt ein glückliches Ende, wieder einmal. Leider aber nicht der Morgen, denn ich habe zwar mit früh beginnenden Golfspielern gerechnet, aber doch bitte nicht um 4:50 im Dunkeln, zwei Stunden vor Sonnenaufgang, ausgestattet mit Stirnlampen? Wer kommt auf so eine Idee? Stetiges Klack-Klack der Golfer-Abschläge und Gemurmel vom 10m entfernten ersten Loch durchbricht wiederholend den Tiefschlaf, aber zumindest bis um 7h schlafen wir – mehr oder weniger.

Wildzelten mit Golfgeräuschen
Wildzelten mit Golfgeräuschen…
... im schönen nächtlichen Panorama.
… im schönen nächtlichen Panorama.

Das koreanische Schönheitsideal der Haut ist wie beim Obst: makellos, zart, rein, hell und porzellanartig. Wie schafft man das? Mit intensivem UV-Schutz zu allen Tageszeiten: Riesige Schirmmützen mit UV-Blocker, Handschuhe, Arm- und Beinlinge, FFP-3000 Gesichtsmaske und Sonnenbrille. Kein Fleckchen Haut schaut mehr heraus. Mit kurzer Hose und T-Shirt fühle ich mich fast nackt in diesem Umfeld, trotz fast 30 Grad. Was müssen die Koreaner dann nur denken, wenn sie dunkelbraun-ledrig sonnengegärbte Malle-Touristen sich unter der Zenit-Sonne braten lassen sehen?
In unseren Breiten bedeutet ein dunkler Teint sich die Sonne, den Urlaub, leisten zu können. Hier in Ostasien ist es genau umgekehrt. Wer Geld hat, kann Drinnen bleiben. Andere Länder, andere Sitten. Es ist wunderschön aufregend und spannend hier.
Und vielleicht erklärt das auch die nächtlichen Golfplatzpilger? Sie spielen Golf im Schein des Mondes, meiden den Tag wie scheue Nachtschwärmer. Stirnlampe statt Sonnenbrand, Vampire des Grüns.

7 Kommentare

  1. Claudia
    28. Sep 2025

    Vielen Dank Valli für die interessanten Einblicke in eine uns so fremde Welt.
    Ich freue mich für euch, dass ihr so viele neue Erfahrungen machen könnt und beneide euch doch kein bisschen…
    Grüße aus dem langweiligen Lothringen voller unperfekter Apfelbäume. 😉

  2. Dorothee
    28. Sep 2025

    So toll! Ich bewundere euch! Und wünsche euch alles Gute und weiterhin viele interessante Erlebnisse.
    Alles Liebe Dorothee

  3. 28. Sep 2025

    So spannend! Wie immer klasse geschrieben, macht richtig Spass zu lesen. Freuen uns auf weitere Updates. Geniesst die Zeit und viele Grüsse aus Züri <3

  4. Niki
    28. Sep 2025

    Hammer! Freue mich sehr für euch. Das sind einmalige und prägende Erlebnisse für die Kids… und für euch natürlich auch.

    Viel Spaß noch
    Liebe Grüße
    Niki…
    witzigerweise gerade auf Mallorca – bräunen lassen

  5. Lilian
    28. Sep 2025

    Mega schön sieht euer Zelt bei Nacht aus! Es klingt so spannend alles und andersartig und zum Glück sehr sicher.
    Bei den Preisen freut ihr euch wenigstens ein bisschen auf das Obst zu Hause oder?
    Grüße und viel Spaß!!
    Tante Lili

  6. Cornelia
    30. Sep 2025

    Super interessant mit Erlebnissen und Stimmungen rauf und runter bewundernswert. Schön auch, dass ihr schon gut die Hälfte abgefahren seid, dann klappt es doch sicher mit unserem Treffen in Busan. Freuen uns schon sehr darauf.

  7. Cathrin
    2. Okt 2025

    Ich liebe eure Berichte. Toll und spannend meine. Eue Abendlektüre. Danke fürs Teilhaben lassen ❤️

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