Die ersten Sonnenstrahlen erhitzen das Zelt ungemütlich, das reißt einen immer sehr früh aus dem Schlaf. Nächstes Mal sollte ich darauf achten, dass es schattig bei Sonnenaufgang platziert ist. In diesem Fall war das schwierig, erst im Dunkeln bauten wir das Zelt auf einem verlassenen Zeltplatz auf. Die Mägen waren da zwar irgendwie gefüllt, aber mangels Essensquellen nur mit Instant-Fraß aus dem 24h-Convenience-Store, der auf der Größe eines Tankstellenshops hunderte Fertigsuppen und sonstige “Leckereien” zur Auswahl bereithält. Am Ausgang finden sich säuberlich aufgereihte Mikrowellen, Heißwasserspender und Einmal-Essstäbchen. Ich verfluchte meine immer schlechter werdenden Augen und meinen Reise-Minimalismus, der mich zwar nicht den Zahnbürstenstiel aus Gewichtsgründen kürzen ließ, dafür aber die Brille aus dem Gepäck verbannte. Kurzsichtig scanne ich das Kühlregal mit seinen äußerst schmackhaft visualisierten Instantgerichten. Auf einer Packung erblicke ich ein Stück Kobe-Steak mit homogener Marmorierung, wie ein rubinrotes Delikatess-Versprechen liegt es da, geküsst vom Meersalz, garniert mit frischem Rosmarin. Ich denke noch, wer fällt nur auf diese Masche herein, aber im gleichen Atemzug, aber welche Alternative habe ich denn, und greife den Reis-Kobe-Inhalt für umgerechnet 1.50 Euro, übersetze die koreanischen Schriftzeichen mit einer App und folge den Mikrowellen-Zubereitungsanweisungen, nach denen 1000 Watt für zwei Minuten optimal für eine solche Delikatesse seien, und bin danach nicht wirklich enttäuscht, ich wusste es ja, aber die beiden erbsengroßen Fleischabfälle in einem Topf voll geschmackloser Reispampe mit Algengewürz setzen der Serviervorschlag-zu-Realität-Relation die neue Krone auf. Die anderen sind kreativer und nutzen die Mikrowelle, um den Reis mit einer Packung Parmesan zu überbacken. Um mein zehn Jahre jüngeres Ich bei der Deutschland-Arabien-Radtour zu zitieren: “Es kann alles schief laufen: Fahrrad kaputt, Regen, Gegenwind, viel Verkehr, keinen Schlafplatz, aber das Essen muss gut sein!”. Ich kann das nach wie vor unterschreiben.
Blick auf die Uhr, 8:05, Schlafqualität ausgezeichnet. Es fühlt sich zwar nicht so an, die Knochen werden auch älter, gerade auf dem harten Boden, aber ich bin dankbar für die euphemistische Interpretation meiner Smartwatch, die es tatsächlich geschafft hat mich in den letzten Jahren noch weiter für Fitnessaufbau, Stressabbau, Schlafqualität und gesunde Ernährung (haha, siehe oben) zu sensibilisieren. Es wird früh dunkel, gegen 18:30, daher ist es auch irgendwie schön, wenn die elf Stunden im Zelt irgendwann enden. Nicht nur eine Isomatte mit Schlafsack einpacken, sondern nun vier davon. Die tägliche Routine dafür ist lange her, aber die Handgriffe sitzen noch, Abenteurer-Memory-Effect. Alles in die fünf Packtaschen pressen, Tandems beladen, schnell los. Aber warum schnell? Zwar sind wir ziemlich minimalistisch unterwegs, aber dennoch sind unsere unmotorisierten mit Erwachsenen, wechselhaft-mittret-motivierten Kindern, und sonstigem Gepäck beladenen Roadtrains sehr träge Objekte. So muss ich mich mit 15 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit in der Ebene abfinden und trauere mit einem sehnsüchtigen Auge den uns rasend überholenden Rennradlern hinterher, erfreue mich aber andererseits an den Tandemgesprächen (“welche Superkraft würdest du dir wünschen?” gibt genug Gesprächsstoff für Stunden!) und dem familiären Zusammensein. Also dann eben langsam los, Tagesziel unbekannt, treiben lassen, Essen hoffnungvoll, aber ungewiss. Kann ich die Playmobilfiguren mit auf’s Rad nehmen? Ja, klar. Wir fahren los. Langsam.

Ich staune über den Campingstil von Koreanern: nahezu der komplette Haushalt inklusive Bett und Bettdecken ist dabei.
Das klingt recht abenteuerlich und die Begeisterung, besonders über das Essen, hält sich in Grenzen?
Herrlich, ich sitze in der Tram und lache Tränen über den Bericht. Danke für das Teilen euer Erlebnisse und Emotionen! Drücker aus Zürich
Danke für den abenteuerlich-lebendigen Reisebericht. Die Bilder sehen toll aus, auch wenn ich euch echt nicht um den Reisekomfort beneide.
Viel Freude weiterhin