Hiermit erscheint der erste Beitrag seit sechs Jahren. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
2019
Nicht von langer Hand geplant, sondern fast Hals über Kopf verwandeln wir uns mit 33 Jahren von sprunghaft-abenteuerlustigen Weltentdeckern zu richtigen Auswanderern, auf der Suche nach mentalem Frühjahrsputz und frischem Wind in unserem Alltag. Zwar irgendwie mutig, aber durch Elternzeit von Kind Nr. 2 auch in ein wohlig warmes Sicherheitspaket mit ständiger Rückkehroption verpackt, ist der Plan dennoch ein richtiges Abenteuer für uns. Mein Vorhaben “nur noch selbstständig und nie mehr als Angestellter arbeiten” geht nicht auf. Wir landen mit Sack und Pack in Zürich, einer Weltstadt mit beschaulicher Größe. Den Mietvertrag für unsere Wohnung unterschreibe ich per Post ohne eigene Besichtigung: man muss nehmen, was man bekommt. Mit Freunden mache ich den Umzug und hole anschließend Sarah und die Kinder in die neue Heimat. Wir kommen nachts an, alle sind aufgeregt, wo wir landen werden, wie die Wohnung aussieht und wie unser neuer Alltag wird.
Aber alles wird gut. Noch sehr neu und ungreifbar, aber gut.
Es ist Dezember, gerade haben die Weihnachtsmärkte eröffnet. Die ganze Stadt ist stilvoll beleuchtet und schafft es die winterliche Tristesse zu verdrängen, so dass uns als Hanauer Kleinstädtern ohne Alltagserfahrung in einer Großstadt schon bei den ersten Erkundungstouren klar wird, wie gesegnet wir sind hier sein zu dürfen. Alles läuft wie ein Uhrwerk. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind pünktlich auf die Minute, alles ist organisiert, hochwertig und sauber.
Die erste Zeit ist von viel Erstaunen geprägt, meistens über noch ungewohnt absurd hohe Preise und auch oft über schöne Dinge, die uns begegnen. Wir müssen viel lernen. Lernen, wie man sich grüßt, sich verhält. Wo man hingehen muss, um Schrauben zu kaufen, wie man Müll trennt, wie man mit dem Handy im Supermarkt bezahlt, wie die Stadt funktioniert, wie man Schweizerdeutsch versteht. Wie man als Einwanderer gut integriert lebt, ohne in die üblichen, negativ besetzten Klischees des typisch deutschen Immigranten zu verfallen.
Warum muss ich Papier, Papiertüten, Pappe und beschichtetes Papier separat trennen, flach falten und mit Paketband ein flaches “Bündeli” daraus schnüren? Grüezi, hier ist die Polizei, Sie wissen, dass das Fahren mit dem Velo auf dem Trottoir 40 Franken kostet? Heute verwarne ich Sie nur. Sehr geehrte Mieter, ich weise nochmals darauf hin, dass vor der Wohnungstür entweder ein Kinderwagen ODER Schuhe abgestellt dürfen (max. 6 Paar). Grüezi, hier ist ein Paket, ich stelle es ins Milchkästli, schöns Tägli noch!
Der Beruf vereinnahmt mich ziemlich, wie zu erwarten war. Wir leben nun das klassische Familien-Rollenmodell, das ich bei Kind Nr. 1 noch vermieden habe: Die Mama macht den Dienst am Kinde, der Papa ist tagsüber weg und sieht den Nachwuchs nur am Abend. Fast die letzten drei Jahre waren Mama und Papa immer beide den ganzen Tag für Louis da, das ändert sich nun abrupt, zudem hat er auch noch eine kleine Schwester, die Mamas Aufmerksamkeit benötigt. Rückblickend wissen wir gar nicht mehr, wie diese anstrengenden Monate vorüber gingen, gerade für Sarah, aber sie taten es. Louis ist nunmehr mit Freude in einer Kita und einer Garten-Spielgruppe eingewöhnt, hat einen Freund im Haus, lernt Schweizerdeutsche Kinderlieder und fühlt sich hier zuhause.
Im Januar machen wir das, was man im Winter machen muss, um nasskaltem Regenwetter zu entkommen: In die Berge fahren, rodeln, skifahren, langlaufen. In Davos steht Louis noch vor seinem dritten Geburtstag am Zauberteppich-Kinderhang und versucht sich mit Skiern, Sarah macht einen Langlaufkurs. Dass das mit Kleinkind und Baby koordinativ durchaus stressig, entbehrungsreich und nicht wirklich erholsam ist, brauche ich anderen Eltern kaum erklären. Aber lieber so als gar nicht.
Und dann kommt Corona. Für viele ein Fluch, für uns ein Segen. Ich bin plötzlich nicht mehr den ganzen Tag bei der Arbeit, sondern genieße die Vorzüge der freien Zeiteinteilung, indem ich die Arbeitszeit in die Nacht verschiebe, um der Familie tagsüber mehr Aufmerksamkeit widmen zu können. Mein Job ist sicher, die Natur vor der Tür. Wir nutzen den Lockdown und die darauf folgende Zeit, um das Leben zu genießen: Jeden Tag baden wir im See und entdecken Stadt und Land.
Für Zürich haben wir uns ein Lastenrad zugelegt, das unser Auto nahezu komplett ersetzt hat. Täglich fährt Sarah mehrere Stunden mit der schlafenden Elisa darin in Zürich und Umland herum und kennt mittlerweile vermutlich mehr von der Stadt als manch geborener Stadtzürcher.
Sarah und ich wuchsen jeweils in gut situierten Mittelstandsfamilien auf. Wir wohnten in eigenen Häusern mit großen Zimmern, die Familien hatten mehrere Autos und reichlich Besitztümer. Nun leben wir inmitten einer Großstadt auf überschaubaren 75m², zu viert in einem Schlafzimmer. Wir haben keinen Garten, keine Garage, keine Werkstatt, keinen Abstellplatz. Unseren Besitz müssen wir reduzieren, wir wüssten gar nicht wohin damit.
Dieser Lebensstil ist ein harter Kontrast zu unserem vorherigen und auch für die Zukunft eigentlich geplanten Leben, aber ich spüre, dass er mir ziemlich gut gefällt. Ist es zeitgemäß, dass man ein Auto besitzt, obwohl es 23,5 Stunden am Tag nur herumsteht? Warum muss ich eine Stichsäge kaufen für ein Mal sägen im halben Jahr? Brauche ich ein eigenes Haus mit riesigem Garten, wenn ich riesige Parks, Wälder und Seen vor der Nase habe? Kann ich mir nicht die Zeit für Gartenarbeit, Instandhaltung und Handwerkertermine sparen und sie stattdessen in Zeit mit der Familie, Erlebnisse und Naturabenteuer investieren? Macht es nicht eher Sinn das für ein potentiell anzuschaffendes Eigenheim bestehende Eigenkapital renditeorientiert einzusetzen, um die Frührente zu finanzieren? Um mit leichtem Gepäck ohne viele Besitztümer zu leben, uns auf unsere inneren Werte zu fokussieren, auf glückliche Momente hinzufiebern und ohne “Klotz am Bein” ständig neu reflektieren zu können, was wir benötigen, um glücklich zu sein. Brauchen wir nicht viel mehr uns selbst und die Freiheit im Handeln als alles Materielle?
Was du liest sind kritische Fragen an uns und unseren Lebensplan. Sie sollen uns helfen die für uns richtige Antwort zu finden. Es ist ein Luxusproblem: Die privilegierte Möglichkeit zu haben aus der gesamten Klaviatur des Lebenskonzept-Potpourris ein eigenes Konzept basteln zu dürfen.
2025
Diese Zeilen von 2019 haben sich manifestiert. Wir sind hier geblieben. Wir haben uns eingelebt. Auch Reisen haben wir unternommen.
Einige waren durchaus etwas abenteuerlich, doch fehlte die Muße diesen Blog für jede “normale” Reise fortzuführen. Die nun anstehende Reise reiht sich aber hoch auf der Abenteuerkriteriencheckliste ein, so dass die künstlerische Pause nun durch das wohl größte Reiseabenteuer für uns als junge Familie durchbrochen wird.
Bevor wir in die kommende Reise einsteigen – ein Schnelldurchlauf der Mikroabenteuer der letzten Jahre:
Zurück in die Gegenwart. Was ist geplant?
7 Wochen Abenteuer in Südkorea und Taiwan, natürlich mit dem Fahrrad: zwei Tandems, je ein Erwachsener und ein Kind. Ferne Länder, Abenteuer, Wildzelten, Kulturschock.
In einigen Tagen geht es los: Wir fliegen nach Incheon (Südkorea), durchradeln das Land für drei Wochen auf den vielen Radwegen, fliegen dann von Busan im Süden Südkoreas nach Taipeh (Taiwan) und verbringen auch hier noch drei Wochen und versuchen die Insel zu umrunden.
Wir freuen uns, wenn ihr unsere Reise verfolgt!
Bin schon sehr gespannt auf Euren Reiseblog; hoffentlich wieder mit vielen spannenden Entdeckungen und schönen Begegnungen.
Ein ehemaliger Nachbar von Euch hätte sicher konstatiert:
“Geht’s widder louuus, Urlaub – Scheißdreck, ich bleib liewer dehaaam ei raaache…”
Schön, daß Ihr das anders seht.
Wuhuu… ich bin sehr gespannt auf eure Berichte!
Habt eine gute Reise, erlebt viele Abenteuer, kommt gerne wieder und macht euch eine gute Zeit! <3
Warum um Himmelswillen hat die Weltkarte keinen Pin in Iran? Schön, von euch zu lesen!
Liebe Grüße
Felix
Mit Abstand einer der inspirierendsten Familien die ich im Leben getroffen habe und ich habe viele kennengelernt. Respekt!