Halbzeit

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Schon drei Wochen kommen wir nun gut ohne Wecker klar. Die Wochentage verschwimmen. Ob sich das so als Rentner anfühlt? Wir genießen die Freiheit, das Draußensein, Neues erkunden.
Die morgendliche Kleiderwahl dauert nicht lange. Turnschuhe oder Flipflops? Blaues oder türkises Trikot? Schwarze oder grüne Hose? Kosmetik ist zuhause geblieben, nur die nötigsten Dinge haben es in die Packtaschen geschafft. So sind wir morgens schnell startklar und der Abschied vom zu vollen Kleiderschrank fiel mir gar nicht so schwer. Jeden Abend stehen wir mit der komplett verschwitzten Kleidung unter der Dusche und waschen direkt alles aus. Dass auch die Kinder alle Strapazen so gut mitmachen, hatte ich mir gewünscht und ich bin sehr stolz auf die beiden. Seit gut drei Wochen haben wir fast täglich an einem anderen Ort geschlafen. Zahlreiche lokale Unterkünfte kennengelernt, wild gezeltet, uns im Fluss oder am öffentlichen Wasserhahn gewaschen, wenn nichts anderes zu finden war. Sie haben auf der Reise so einiges gelernt: dass man auch ohne Handtuch duschen kann, wie man mit Stäbchen Nudelsuppe aus einem einzigen Topf isst, dass man in anderen Ländern die Schuhe auch mal im Restaurant ausziehen muss, dass grosse Insekten einem keine Angst machen müssen, dass das Abendessen nach einem aktiven Tag an besten schmeckt. Mittagshitze, Steigung, Proviant suchen, Schlafplätze organisieren. Manchmal erscheint etwas aussichtslos aber wir vertrauen auf das Sprichwort: “Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, ist das nicht das Ende.”

Am Flussradweg halten wir in regelmäßigen Abständen an kleinen Outdoor-Fitnessparks. Alle paar Kilometer stehen Geräte, auf denen man den ganzen Körper und die Mobilität trainieren kann. Selbst auf einem kleinen Berg bei Jeonju, den wir erklimmen, warten oben keine Aussichtsbänke, sondern Fitnessgeräte mit Blick über die Stadt. Sport scheint hier überall Platz zu haben.

Mülleimer dagegen sind selten. Anfangs suchen wir sie vergeblich, bis wir merken: Die Koreaner nehmen ihren Abfall einfach mit nach Hause. Auf den Straßen liegt nichts herum. Wir beobachten Seniorinnen, die mit Handkarren Karton und anderen Müll einsammeln. Viele Ältere müssen weiterhin arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Auch die Freizeitgestaltung der Koreaner lernen wir nach und nach kennen. Einmal landen wir in einer Spielhalle, angelockt von blinkenden Lichtern und einem ohrenbetäubenden Mix aus Musik und Automaten-Sounds. Drinnen ist es laut, bunt und irgendwie erschlagend. Louis hat Spaß bei einer Runde Autorennen und mir wird schon vom Zuschauen übel, Elisa siegt beim Springturnier auf einem wackeligen Pferd und wir spielen gemeinsam Airhockey. Die vielen Greifautomaten lassen wir zum Glück links liegen, wohin auch mit dem Hauptgewinn bei einer minimalistischen Radreise. Für uns ist es ein kurzer Ausflug in eine andere Welt. Faszinierend, aber auch so intensiv, dass wir draußen erstmal tief durchatmen. Kaum vorstellbar darin den ganzen Abend zu verbringen.

Ganz anders, aber nicht weniger kurios, sind die vielen Fotoläden, die wir entdecken. Dort kann man sich mit Kostümen, Accessoires und witzigen Hintergründen verkleiden und anschließend sofort die Bilder ausdrucken. Wir beobachten Gruppen von Jugendlichen, die sich mit Hasenohren, Krönchen oder Sonnenbrillen in Szene setzen und am Ende lachend mit einem Stapel Fotostreifen aus der Kabine kommen. Elisa strahlt bei der Idee, sich auch einmal als Prinzessin ablichten zu lassen.

In Restaurants in größeren Städten tippen wir unsere Bestellungen ganz selbstverständlich auf ein Tablet und wenig später stehen die dampfenden Schüsseln schon vor uns. Allein von den vielen gratis dazu gereichten Beilagen, wie Kimchi und co. kann man satt werden. Für die Kinder sind die Geschmäcker schon sehr speziell und manchmal auch zu scharf. Eine Karaffe Wasser steht ebenfalls immer gratis auf dem Tisch und Trinkgeld zu geben ist unüblich.

Und dann ist da noch der Hang zur Technik. Türen öffnen sich nicht mit Schlüsseln, sondern per Zahlencode. Selbst alte Tempel sind mit digitalen Schlössern gesichert.

Im Park kann man sich an diesen Stationen mit Zecken- und Insektenschutz einsprühen

Im Park kann man sich an diesen Stationen mit Zecken- und Insektenschutz einsprühen

Eine Mitarbeiterin siebt den riesigen Sandkasten

Eine Mitarbeiterin siebt den riesigen Sandkasten

Vor ein paar Tagen haben wir uns noch gefragt, wo all die Menschen in Südkorea stecken, denn die Straßen und Radwege außerhalb des Einzugsgebietes von Seoul waren auffallend leer.
Jetzt, nach vier Tagen Busan wissen wir es. Die Zeit in der zweitgrößten Stadt Südkoreas war ziemlich intensiv. Wir sind mitten auf der belebten Shopping- und Vergnügungsmeile am Haedundae-Strand untergekommen. Es ist Feiertag, Chuseok, eine Art Erntedankfest, bei dem Familien aus dem ganzen Land zusammenkommen. Aus dem Hotelfenster im 10. Stock sieht man die Menschen wie Ameisen vorbeiziehen. Riesige Werbetafeln, ein Restaurant neben dem nächsten, Wahrsager bieten ihre Dienste an, überall läuft Musik und Lichter blinken. Wir lassen uns zeichnen, gehen aus Ermangelung an vegetarischen Restaurants indisch essen und schwimmen im Meer. Lustigerweise sind wir die einzigen in Badekleidung am Strand und nicht wie all die anderen komplett verhüllt und auch fast die einzigen im Wasser. Die Rettungsschwimmerin läuft am Ufer neben uns her, wir bauen eine Sandburg und sind für Einheimische eine ziemliche Attraktion am Strand.
Ich bekomme Sehnsucht nach Natur und Ruhe. Die Tage in der Stadt sind anstrengend, da die Weiterreise nach Taiwan organisiert werden muss. Für den Transport brauchen wir vier große Pappkartons, um die Räder zu verpacken. Etliche Bikeshops klappern wir ab, bis wir fündig werden. Die riesigen Kartons und die Kinder im Stadtverkehr zurück zum Hotel zu bringen, ist eine Herausforderung. Louis nimmt Elisa auf den Schoss, sodass Valentin das Tandem beladen kann. So fahren wir auch zum Flughafen, direkt zur Abflughalle, bestückt mit Spanngurten und Klebeband und nach neunzig Minuten ist alles verpackt. Ein neues Reisekapitel kann beginnen.


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