Doppeltandems in Ostasien

Nomaden-Alltag

von Sarah · 2. Oktober 2025 · 5 Min. Lesezeit · Doppeltandems in Ostasien 2025
Nomaden-Alltag
Radfahrer auf asphaltiertem Radweg mit blauer Markierungslinie, Holzzaun links, Fluss und Berge im Hintergrund.

Unser Alltag auf dem Rad in Südkorea ist geprägt von Gegensätzen und genau das macht ihn so spannend. Unendliche Radwege führen uns durch Großstädte, kleine Bergdörfer und vorbei an Reisfeldern und Flüssen. Oft sind die Wege wie frisch für uns gemacht, erinnern fast an eine Landebahn, immer geradeaus. Perfekter Asphalt und wir sind meist die einzigen auf der Strecke. Mehr als 80 Prozent der Südkoreaner leben in Städten, je weiter wir uns von Seoul entfernen und ins Landesinnere kommen, merken wir das. Nur selten begegnen wir anderen Radfahrern oder generell Menschen auf der Straße. Liegt es an der Saison? Sind alle nur am Wochenende unterwegs?

Riesige Brücke für Radfahrer
Roter Radweg am Flussufer mit Metallgeländer, bewaldete Berge im Hintergrund.

Gleichzeitig sind da die vielen kleinen Eigenheiten des Landes, die wir im Vorbeifahren aufsaugen und die uns jeden Tag zum Staunen bringen. Selbst die öffentlichen Toiletten sind hier ein Erlebnis: blitzsauber, alle mit Notfallknöpfen ausgestattet und oft begleitet von klassischer Musik. Das „Waldklo“ brauchen wir hier wirklich nicht oft. Wir passieren an unserer Strecke zahlreiche Baustellen. Flusswege werden angelegt, Brücken gebaut und große Parkanlagen sehen aus, als stünde die Landesgartenschau kurz bevor.

Boxenstopp für Radler
Boxenstopp für Radler
Riesige Brücke für Radfahrer
Riesige Brücke für Radfahrer
Tisch mit Waffeln, Eiscreme und zwei Getränken unter Sonnensegel, Reisfelder im Hintergrund


Egal wie klein die Stadt ist, irgendwo finden wir immer ein Café. Und nicht irgendeines: Die Cafés sind oft liebevoll gestaltet, jedes versucht sich ein bisschen abzuheben. Zwischen künstlichen Blumenwänden, Vintage Möbeln oder E.T. sitzen wir beinahe täglich für eine Pause und die Kinder freuen sich schon am Morgen auf ihren Blaubeerensmoothie, der hier auf jeder Speisekarte steht. Die Koreaner lieben Kaffee und französisch angehauchtes Gebäck, auch wenn dieses eher eine entfernte Verwandtschaft zu unseren Backwaren aufweist. Wir freuen uns über jede Bäckerei, die wir entdecken, denn Brot ist hier rar und im Supermarkt nicht zu finden.
 

Eine lebensgroße E.T.-Puppe mit Hemd und Fliege sitzt an einem Tisch in einem farbenfroh gestalteten Café.
Vogelperspektive auf eine bunte Wohnterrasse mit blauen Dielen, farbigen Stühlen und Pflanzen.
Bäckerei-Innenraum mit Auslagen voller Backwaren an Theken und Regalen.

Louis würde am liebsten den ganzen Tag radeln, während er mit Valentin über Matheaufgaben nachdenkt. Nach zwei Tagen Prozentrechnung sind sie nun bei der Bruchrechnung angekommen und ich staune, wie leicht ihm das fällt. Lernen in Bewegung soll ja förderlich sein. Vom Tandem wehen Gesprächsfetzen herüber, die eher nach „Einführung ins Unternehmertum“ klingen, als nach Familienreise. Wechselt er das Rad, wechselt auch das Fach: Bei mir gibt’s Gedichte, Geschichte(n), Grammatik und Philosophie. Mit Elisa spiele ich „Ich sehe was, was du nicht siehst“, sie hört Hörspiele und kann stundenlang mit den wenigen Playmobil-Figuren, die wir dabei haben, Geschichten erfinden. Lernen passiert ganz nebenbei und die Neugier und Fragen der Kinder bestimmen die Themen. So werden die Etappen für uns alle kurzweilig.


Unterwegs erleben wir die Menschen als unglaublich freundlich. Immer wieder werden wir angelächelt oder angesprochen und wir haben das Gefühl, willkommen zu sein. Nach einer langen Etappe und 500 Höhenmetern kommen wir an einem verweist aussehenden Campingplatz an. Zum Glück dürfen wir bleiben und sind auch nicht die einzigen Gäste. Zwei weitere Zelte entdecken wir auf dem großen Platz. Die Restaurants in der Umgebung sind leider alle geschlossen und kein Ort ist in der Nähe. Im Campingladen decken wir uns zwei Minuten vor Ladenschluss mit Keksen und Instant-Nudelsuppe ein, eine Notlösung, doch den Kindern gefällt es. Zurück am Zelt stellen wir fest, dass die Zubereitung ohne Topf schwierig werden könnte, doch unsere netten Nachbarn retten unser Abendessen und versorgen uns nicht nur mit Kocher und Topf, sondern stehen alle fünf Minuten mit neuen Annehmlichkeiten vor uns. So müssen wir auch nicht im Dunkeln essen, sind wir doch nun auch noch mit einem hellen LED-Flutlicht auf einem Ständer versorgt worden. 

Bunte Marktstände mit Sonnenschirmen, Gemüse und Händlern bei Tageslicht.

  
Beim Einkaufen sind wir manchmal ratlos. Zwischen den Regalen voller bunter Verpackungen fragen wir uns: Was davon taugt als Proviant? Am Ende landen oft Karotten, Gurken, Tofu und aus Ermangelung an Brot einfach Kekse im Korb. Joghurts oder Käse sind kaum zu finden, vieles ist uns zu stark verarbeitet oder ziemlich süß.

Übernachten wir nicht im Zelt, landen wir in traditionellen Unterkünften in normalen Wohngebieten. Dort verwandelt sich der Raum am Abend in ein Schlafzimmer. Matten werden auf den Boden gelegt, morgens wieder eingeklappt. Anfangs gewöhnungsbedürftig, aber unglaublich platzsparend und praktisch. Es ist schön, fernab der Hotels etwas vom Leben der Menschen mitzubekommen. Wenn wir nicht gerade in der Stadt sind, schlafen wir lieber im Zelt, denn unsere Isomatten sind auch nicht härter, als die koreanische Variante in den Wohnungen. Im Zelt fühlen wir uns geborgen. Wir schlafen tief und fest, begleitet vom Zirpen der Grillen und unsere Uhren zeichnen regelmäßig Schlafqualität-Highscores auf. Ob es an der Bewegung liegt oder an der frischen Luft, wir wissen es nicht. Es ist gar nicht so einfach mit einsetzender Dunkelheit noch einen passenden Schlafplatz zu finden. Während wir Feldweg um Feldweg abklappern, Plätze anschauen und wieder verwerfen (nein, ich möchte wirklich nicht auf dem Friedhof im Wald schlafen) und planen, woher wir in den kleinen Ortschaften noch ein Abendessen bekommen, lässt uns Louis wissen, dass er sich den Urlaub eigentlich noch ein bisschen abenteuerlicher vorgestellt hätte. Wir nehmen die unbeschwerte Aussage schmunzelnd zur Kenntnis und freuen uns, dass die Kinder nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen sind.
Die Planung der Strecke, der Unterkünfte und Einkaufsmöglichkeiten auf dem Weg verschlingt viel Zeit, sodass wir leider noch gar nicht zum Lesen gekommen sind. Vielleicht vermisst Louis deshalb das Abenteuer, denn bisher läuft es wirklich rund.

Zelt im Vordergrund, dahinter Campingplatz mit Auto und Personen, See und Bergkette.
Komfortabler Gratis-Campingplatz im Stadtpark
Komfortabler Gratis-Campingplatz im Stadtpark


Die Kontraste sind es, die diese Reise so einzigartig machen: Mal zelten wir im Nirgendwo und strampeln erst einmal 20 Kilometer zum nächsten Supermarkt, um Frühstück zu besorgen. Mal wachen wir mitten in einer belebten Stadt auf und die Auswahl an Cafés und Restaurants ist fast überwältigend. Zwischen beidem liegt unser Alltag voller kleiner Überraschungen, die diese Reise unvergesslich machen.

1 Kommentar

  1. Lars
    3. Okt 2025

    Vielen Dank für eure tollen Berichte.
    Ich habe heute ein paar nachgelesen 🙂

    Für Louis folgt doch sicherlich nicht etwas abenteur, aber einfach schön zu sehen und zu lesen, wie ihr alle es genießt und unterwegs angekommen seid.

    Liebe Grüße von uns vieren

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