Während der Norden Taiwans mit Regenmengen von 200 mm und Überschwemmungen zu kämpfen hat, ist davon im Süden nichts zu merken. Elisa fragt mich: “Mensch Mama, warum habt ihr denn auch so ein heißes Land ausgesucht?” Nach wie vor radeln wir täglich durch die Hitze. Auch wenn der Kilometerstand am Ende des Tages eher bescheiden ausfällt, sind wir am Abend müde und zufrieden. Ehrlich gesagt hätte ich es mir vor der Reise gar nicht vorstellen können bei diesen Temperaturen sportliche Leistungen zu erbringen. Dazu kommt die hohe Luftfeuchtigkeit, das beladene Rad und meine kleine Mitfahrerin, die aber nur sporadisch dafür sorgt, ihr eigenes Gewicht auszugleichen. Wenige Minuten nach dem Losfahren klebt das täglich frisch gewaschene Fahrradshirt bereits wieder am Körper.
Pausentage haben wir bisher nur wenige eingelegt, es gibt so viel zu sehen und wir schaffen es einfach nicht die Füße still zu halten. Auch wenn die Oberschenkel die ersten Minuten noch nicht so wollen, wie sie sollen, dauert es nicht lange, bis die Muskulatur wieder warm ist und wir im gewohnten Tempo weiterrollen. Danke, Beine!
Die Reise soll den Kindern (und uns) eine Horizonterweiterung bieten. Täglich erleben wir unbekannte Gerüche, probieren neue Gerichte aus, sehen wie viele Menschen auf ein Mofa passen und kommen mit Einheimischen ins Gespräch, die hier wesentlich offener auf uns zugehen, als die Südkoreaner. Auch mit der Verständigung auf Englisch klappt es hier besser. Die beiden gehen mit Selbstverständlichkeit schon alleine im Laden Proviant kaufen. Lange monotone Strecken nutzen wir für englische Rollenspiele.
Da ein Highlight oft das nächste jagt, bleibt zu hoffen, dass die Kinder ihr Staunen bewahren und nicht zu sehr abstumpfen. Nach einer Weile wird alles Fremde normal. Die drei großen Albino-Geckos im Badezimmer bringen sie jedenfalls nicht mehr aus der Ruhe. “Beißen die?” “Nein, glaub nicht.” “Ok”.
Seit vier Tagen liege ich nachts wach und kämpfe gegen den furchtbaren Juckreiz. Irgendetwas hat Louis und mir die Beine und Füße komplett zerstochen, ohne dass wir es gemerkt haben. Für Mückenstiche sind die zurückgebliebenen vielen roten Punkte zu klein, aber der Juckreiz hat es wirklich in sich. Ob die Sikahirsche, die wir im Tierpark besucht haben, Flöhe hatten? Was auch immer es war, das wünsche ich niemandem.
Ganz im Süden Taiwans erreichen wir den Kenting Nationalpark. Der Shuttlebus hätte uns zwar einige Höhenmeter erspart, erscheint uns aber zu unflexibel und so fahren wir mit den Rädern direkt bis zum Start der Wanderwege durch das weitläufige Gebiet. Der schmale Pfad führt uns durch dichtes Grün, vorbei an mit Lianen bewachensen Bäumen, tropischen Pflanzen und hohen Felsen. Nach all den Hinweisschildern, die uns seit Tagen vor Affen auf der Straße warnen, rechnen wir kaum noch damit, wirklich welche zu sehen. Doch plötzlich ein Rascheln im Baum. Wir bleiben stehen, flüstern, staunen und sind uns einig: Das ist das Highlight des Tages. Eine ganze Affenfamilie und kein Zaun, der uns von ihnen trennt.
Abends verwandelt sich das tagsüber ausgestorbene Kending in eine lebendige Flaniermeile: Essensstände reihen sich dicht aneinander, es gibt Tee in allen Varianten, frittierte Fleischteile. Während die Südkoreaner süchtig nach Kaffee waren, finden wir hier überall spannende Tee-Getränke. Der auch bei uns bekanne Bubble Tea wurde in Taiwan erfunden und wird in allen Variationen an jeder Straßenecke angeboten. Die Tapiokaperlen im Tee schmecken ein bisschen wie Gummibärchen, gemischt werden sie in verschiedene Teesorten, oft auch mit Milch und Zucker. Es ist wuselig und ein bisschen chaotisch, aber auch spannend zu beobachten.
An einer Kakaofarm dürfen wir frische Kakaofrüchte probieren, erst die direkt geöffneten, dann die fermentierten und getrockneten, die schon eher nach Schokolade schmecken.
Spontan machen wir noch einen Abstecher auf die Insel Xiao Liuqiu, eine kleine Koralleninsel vor der Südküste Taiwans, die nur etwa eine halbe Stunde mit der Fähre von der Hauptinsel entfernt ist.
Gleich nach der Ankunft leihen wir uns eine Schnorchelausrüstung und kaum sind wir im Wasser, entdecke ich am Ufer bereits eine der Meeresschildkröten, für die die Insel berühmt ist.
Die Insel gilt als eines der besten Reiseziele der Welt, um mit den geschützten Tieren zu schwimmen. Um die Insel schwimmen schätzungsweise 900 Meeresschildkröten, was die höchste Schildkrötendichte der Welt darstellt. Direkt mit diesen riesigen Tieren zu schwimmen, ist ein besonderes Erlebnis für uns alle. Die Schildkröten knabbern am Riff und lassen sich nicht stören.
Nach dem Schnorcheln suchen wir uns eine schöne Unterkunft. Am Nachmittag schnappen wir uns unsere Räder und rollen noch einmal los: Es gibt viele Tempel und kleine Imbissbuden, Tauchshops, und zahlreiche kleine Hotels. Die Insel ist sehr hügelig, aber bietet schöne Aussichtspunkte auf das Meer. Wir sind die einzigen auf unmotorisierten Rädern, aber immerhin sind Autos hier nicht erlaubt und an jeder Steigung werden wir lautstark angefeuert und ernten viele hochgestreckte Daumen.
Oft sitzen wir in garagenähnlichen Restaurants, in denen die Besitzer auch zu wohnen scheinen, wenn keine Gäste da sind. Gekocht wird entweder vorne auf der Straße oder in einem winzigen dunklen Hinterraum. Mit der Übersetzungsapp und Händen und Füßen versuche ich etwas ohne Fleisch zu finden. Das klappt Mal besser und Mal weniger gut: Wenn die Fleischbrocken im Nudelgericht sehr klein ausfallen, gilt es meist bereits als vegetarisch.
Ein komplett vegetarisches Restaurant ist heute der krönende Abschluss. Die nette Inhaberin deutet auf mehrere Dinge auf der Karte, die Übersetzungsapp lässt uns im Stich, aber sie versichert bei jedem Gericht: “very delicious”. Oft muss man auf der Speisekarte ankreuzen, was man bestellen möchte, wir sehen aber nur chinesische Zeichen. Was für ein tolles Gefühl, einfach alles bestellen zu können, ohne das etwas schief gehen könnte. Hier in Taiwan gibt es zahlreiche vegetarische Produkte, die stark an Fleisch erinnern, es aber nicht sind, wie etwa Seitan und Tofu. So jedenfalls unsere Hoffnung. Und so füllt sich der Tisch nach und nach mit unbekannten Speisen. Bei den Tischnachbarn schauen wir uns ab, wie das hier läuft. Geschirr und Besteck holt man sich selbst aus dem Schrank. Reis und Tee kann man sich gratis aus großen Behältern abfüllen. Uns wird ein Topf mit Brühe gebracht, in dem wir verschiedenes Gemüse garen. Die Kochplatte ist direkt im Esstisch integriert. In der kleinen Verkaufsvitrine entdecken wir steirisches Kernöl und Produkte von Seitenbacher.
In der Großstadt Taichung geht es wieder sehr lebendig zu. Die Ampel schaltet auf Grün, die riesige Gruppe an Mofas setzt sich in Bewegung und wir mittendrin. Über 1000 Kilometer haben wir bereits unfallfrei zurückgelegt und so soll es auch bleiben. Das heißt, wir müssen uns konzentrieren und mit der Masse fließen. Es wird von links und rechts überholt, jede Sekunde scanne ich die Straße ab. Wer öffnet vielleicht gleich die Autotür? Wie wechsele ich am besten die Spur, um gleich nach links abbiegen zu können? Schulterblick, Handzeichen, bremsen, beschleunigen, ausweichen, Valentin folgen, der uns dank taiwanesischer SIM-Karte und Google Maps zuverlässig durch jede Stadt navigiert.
Unsere Rückfahrt nach Norden kürzen wir nun öfter mit dem Zug ab und freuen uns, dass das so reibungslos klappt, auch wenn Valentin ganz schön keucht, bis die beladenen Räder vom Bahnsteig über fünf Treppen bis zum Ausgang getragen sind. Die Westküste ist eher von Industrie als von unberührter Natur geprägt, trotzdem versuchen wir ein paar besondere Stopps einzuplanen. Auf einer Ananasplantage dürfen wir eine taiwanesische Spezialität testen, Ananaskuchen, und abschließend eine süße Ananas direkt vom Feld essen. Es macht Spaß den Kindern zu zeigen, wie tropische Früchte wachsen. Die Bananen haben einen ganz anderen Geschmack und die leuchtend pinke Drachenfrucht im Müsli ist auch etwas ganz Besonderes.
Ein weiterer Punkt auf der Taiwan-to-do-Liste ist seit heute auch abgehakt: die Spezialität “Stinky Tofu” probieren. Schon von weitem strömt uns ein beißender Geruch entgegen. Hier muss es also sein, immer der Nase nach. Über 2000 begeisterte Google Bewertungen sind doch ein gutes Zeichen. An der unscheinbaren kleinen Garküche stehen bereits einige hungrige Kunden, wir müssen eine Nummer ziehen und stellen uns an. Wem hessischer Handkäse schmeckt, kann ja wohl bei fermentiertem Tofu nicht nein sagen, denke ich mir und bin überrascht, dass auch die Kinder einmal abbeißen. Aufessen muss das Ganze aber wie so oft der Papa.
Tolle Fotos, so spannende Erlebnisse und Erfahrungen und die Kinder machen alles interessiert mit! Ihr seid super!
Sehr schöne Erlebnisse, die ihr macht, v.a. kulinarisch!!
Ich bewundere euer Durchhaltevermögen bei den Radstrecken, der Suche nach Unterkünften, nach genießbarem Essen nach der Anstrengung und dem Transport der Räder!