Wo die Wale am Strand liegen

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Unser Radweg schlängelt sich durch dichte Mangrovenwälder, nah am Ufer des Ostchinesischen Meeres. Die Bäume spenden willkommenen Schatten und man hört nur das Rascheln der Bäume im Wind, das entfernte Meeresrauschen und das Surren der Reifen über den perfekten Asphalt. Eine willkommene Abwechslung, denn oft fahren wir auf der Straße, zwar oft mit markiertem Fahrradstreifen, aber dennoch mit reichlich Verkehr, so dass man sich sogar auf dem Tandem nur schwer unterhalten kann.

Da wir ohnehin Taiwan in unserem Tempo nicht komplett aus eigener Kraft umrunden können, entscheiden wir uns dafür die schönsten Strecken zu recherchieren und den Rest mit dem Zug zu überbrücken. Mit ein bisschen “fünfe gerade sein lassen” klappt das auch ganz gut. Beim Fahrkartenkauf:
“Sie können Fahrräder nur bis 1.5m mitnehmen!” (unser Tandem ist 2.5m lang)
“Ich kann es klein machen vor dem Einsteigen!” (kann ich nicht)
Die Dame ist wenig überzeugt, händigt uns aber die Tickets aus.
Der Zug selber ist gähnend leer, also finden auch unsere beiden schwer beladenen Fahrrad-Monstren problemlos einen Platz.

Ein anderes Mal wird uns versichert wir müssten bei einer bestimmten Station aussteigen, danach könne man keine Fahrräder mehr mitnehmen. Wir verstehen nicht warum, bleiben einfach sitzen und nehmen den nächsten Bahnhof, auch hier: niemanden interessiert’s, kein Problem.

Alle Taiwaner wollen ein Foto mit Louis machen

Alle Taiwaner wollen ein Foto mit Louis machen

Wir passieren einige Strände, die aber meist menschenleer sind. Wenn mal Taiwaner im Wasser sind, dann gibt es immer einen Bademeister und kostenlose Schwimmwesten, mit denen (und langer Kleidung) bekleidet sie sich auf dem Sand liegend von der kraftvollen Brandung überspülen und herumwirbeln lassen, wie eine gestrandete Wal-Sippe. Im tiefen Wasser ist niemand. Generell scheint hier keiner besonders gut schwimmen zu können, aber zusätzlich sind auch Warnungen für die starken Brandungsrückströme an der Ostküste ein Grund für die traumhaften, aber wenig benutzten Strände.

Wer schonmal an Küstenstraßen geradelt ist, kennt die Situation: die Aussicht ist schön, aber es geht permanent hoch und runter und gelegentlich kommt noch Gegenwind hinzu. Für etwas Abwechslung fahren wir durch das Huatung-Tal, das parallel zur Küste verläuft, aber durch ein Gebirge davon getrennt ist, das wir dann wieder durchqueren. Verkehrsarme Straßen, gritzegrüne Reisfelder und eine rasante Abfahrt mit Meerblick prägen diese wunderbar abwechslungsreichen Tage.

Schließlich schaffen wir es ganz in den Süden Taiwans, hier gibt es weniger Strömungen, noch karibischere Strände und wir planen tatsächlich mal einen Ruhetag einzulegen, um die Strandatmosphäre zu genießen. Stundenlang machen wir nun die Wal-Sippe nach und lassen uns von den Wellen am Strand überrollen. Die Kinder jauchzen bis zum Sonnenuntergang im Wasser.

Aber um alle Daheimgebliebenen nicht zu neidisch zu machen, schließe ich gerne mit einer Schilderung der anschließenden Nacht.

Im Zelt. Freistehend, ohne Überzelt, nur dieses feine Maschengitter zwischen uns und der Welt. Bei 26 Grad Nachttiefst, wer braucht da schon Schlafsäcke? Wir liegen auf den Isomatten, die Haut atmet, streift sich gegen die kühle, sanfte Brise, die hereinstreicht. Nichts trennt uns vom Rauschen der Palmen, vom gleißenden Sternenmeer da oben.
Dann dreht es. Irgendwann. Die sanfte Brise, wird zum Fauchen. Sterne? Verschluckt. Weggeblasen. Das Dunkel wird tief, undurchdringlich, dann das erste Grollen. Mist. Fluchend, im Dunkeln, im schon heulenden Wind, das Überzelt. Fummele an den Ösen, die Plane peitscht mir um die Ohren.
Jetzt ist es ein Dampfkessel. Die Hitze steht, staut sich, wird zur physischen Präsenz. Ein dickes, feuchtes Tuch, das sich auf uns legt. Wir liegen nur in Unterhosen, aber die Haut klebt an der Isomatte, als wäre sie mit Kleber bestrichen. Mir läuft es von allen Seiten. Nicht Tropfen, sondern Bäche. Rinnsale. Louis daneben, er liegt in einer Schweißlache. Eine ganze Pfütze. Absurd. Die Frage schießt mir durch den Kopf, glasklar in der stickigen Hitze: Lieber Regenwasser von außen? Oder diese salzige, eigene Lake von innen?
Draußen tobt der Sturm. Ein Rasender. Er reißt Palmwedel zu Boden, knickt sie wie Streichhölzer. Das Zelt ächzt, beult sich. Drinnen ersticken wir, draußen geht die Welt unter. In den kurzen Atempausen, wenn der Regen für Minuten nachlässt, stoße ich mich nach draußen, taumle in die Nässe. Der Regen prickelt eiskalt auf der glühenden Haut. Eine Erlösung. Für zehn Atemzüge. Dann wieder rein in die Sauna.
Um drei. Irgendwann um drei besiegt die Erschöpfung das Elend. Ein paar Minuten? Stunden? Ein Schlaf, der kein Schlaf ist, sondern ein Wegkippen.
Und dann… ein Bellen. Sechs Uhr. Der erste Hund. Ein einzelnes, gnadenloses Bellen, das sich durch die nasse, dampfende Morgenluft frisst und mich, viel zu früh, herausreißt.


6 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ihr Lieben
    Endlich habe ich es wieder einmal geschafft, eure so spannenden Berichte zu lesen! Ich wünsche euch weiterhin so spannende Erlebnisse.
    Ich reise morgen für einen Monat nach Argentinien zu meinem Sohn &Enkel.
    Liebe Grüsse Dorothee

  2. Ich habe wieder mal mit Spannung euren Erlebnisbericht
    gelesen und freue, daß ihr mit allen Erfahrungen umgehen könnt und immer eine Lösung findet. ⁶

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