Am Schreibtisch sah es flacher aus

Ich habe ja schon ein paar Radreisen gemacht, aber diese ist anders. Zum ersten Mal alleine, sehr anspruchsvolle Tagesetappen (täglich zwischen 2000 und 3000 Höhenmeter) und ultraleicht – weniger Gepäck geht kaum. An vielen traumhaften Wildcamping-Spots fahre ich daher mit einem weinenden Auge vorbei, Camping-Equipment wäre zu voluminös gewesen. Mit Kreditkarten-Bikepacking hat man eben weniger nächtliche Zeltidylle, dafür aber tolle Unterkünfte – und das in den Balkanländern zu ziemlichen Spottpreisen. Nach den ersten beiden sehr harten Tagen habe ich mir etwas Zeit herausgefahren, der Rückflug ist ja fest terminiert. Aber das hast du dir doch selbst so ausgesucht! Ja, aber am Schreibtisch sind Distanzen und Höhen und Schotter nicht so greifbar, wie in der Realität. Ich habe jedenfalls gelernt, dass mir die Abwechslung aus zehnstündigen Fahrrad-Arbeitstagen und abendlicher Entspannung mit erholsamem Schlaf gut tut. Irgendwann braucht das Gehirn auch Zeit die ganzen Eindrücke des Tages und die dutzenden Passabfahrten zu verarbeiten.







Wie fast alle Menschen kennt ihr sicher den Einschlafmyoklonus, wenn das Gehirn den Übergang vom Wach- in den Schlafmodus fälschlicherweise als Sturz interpretiert. Ich habe den Reflex gestern Nacht nicht als Sturz, sondern mit einem wegrutschenden Vorderrad in einer Schotterkurve gehabt. Das zeigt schon gut welche fahrradfanatischen Dauereindrücke in meinem Kopf ankommen.
Wie wäre es mit dieser traumhaften Berghütte auf 1800m Höhe oder einem Fünf-Sterne-Hotel mit Spa in Peja, Kosovo?

Ich glaube mit der passenden Begleitung (die zur Zeit in Zürich die Stellung hält) könnte ich für immer so reisen.

Ist die Fortbewegung mit dem Fahrrad eigentlich günstig? Sollte man ja denken…
Ein Auto braucht Benzin oder neuerdings auch Strom als Energieträger. Das Fahrrad bekommt die Energie vom Menschen – und der wiederum bezieht sie aus der Nahrung. Bei lokalen Spritpreisen kostet das Auto etwa 15€ auf 100 bergige Kilometer (ja, ohne Verschleiß). Aber jetzt seht mal, was ein Valentin für 100 bergige Kilometer braucht:

Grundumsatz plus Fahrrad-Kalorien (in Rot). Ich kann euch versichern: Es ist nicht gerade einfach über 6500 kcal am Tag zu essen. Und selbst ohne Restaurantbesuch sind die Essenskosten höher als die Auto-Spritkosten. Verrückt eigentlich. Ich versuche also so viele Kalorien wie möglich reinzuschaufeln, um nicht in den „Hungerast“ zu kommen. Schokoriegel haben zu wenig Gewicht und Kalorien, um das bodenlose Loch im Magen zu stopfen. Ich scanne die Nährwerttabellen im Supermarkt, um die höchsten Zahlen zu finden: mehr Zucker, mehr Fett, scheiß auf gesund, gebt mir den umgekehrten Nutri-Score, ich bin der Kalorien-Maximalist! Und wenn das nicht klappt, gehe ich halt drei Mal am Tag essen!



Der Euro rollt im Kosovo durch die Kassen, aber das hier ist schon etwas entfernt von Westeuropa. Regen tropft mir in den Kragen an dieser Kreuzung in Peja, die Kontraste knallen hart aufeinander, zwei Straßenhunde trotten gelassen durch den Matsch, die gelben Plastikmarkierungen in ihren Ohren blitzen auf, staatlich registriert aber trotzdem herrenlos auf der Straße, direkt dahinter der Handyhüllenladen, die nackten Neonröhren spiegeln sich in den Pfützen, drinnen stehen zwei gelangweilte Angestellte und starren regungslos auf ihre eigenen Smartphones, absolute Agonie im hellen Plastikparadies. Plötzlich reißt mich ein Motorengeräusch aus den Gedanken, ein altes Moped rattert über den Asphalt, zwei Kinder sitzen darauf und jagen ohne Helme über die nasse Straße, völlig normaler Wahnsinn. Mein Blick wandert nach oben in die tropfenden Äste, ein abisoliertes Stromkabel hängt einfach so aus dem Lichterketten-Baum herab, baumelt offen über dem Gehweg, keine Absperrung und kein Sicherheitsabstand, die Währung ist westlich, das Leben hier folgt seinen eigenen Regeln. Ich mag es.


Sehr spannende Berichte! Du lässt uns eintauchen in eine wieder mal völlig andere Welt. Danke!
Iss für uns alle eine Margarita mit bitte!!!!
Wie immer einer der besten Storyteller und am Boden geblieben und im wahren Leben einfach ein super guter Mensch, Familien-Vater und Ehemann.
Ich bewundere diese konsequente Leistung, nicht aufzugeben, nicht zu meckern, Lösungen zu suchen und das Gute im Leben zu sehen. Sich nicht ablenken lassen von globalen Neuigkeiten die wenig mit dem lokalen sein zu tun haben.
Lieber Valentin, ich danke dir für dein sein und deine tolle Art Mensch zu sein.
Nur das Beste aus Küsnacht zu dir.
Peace, der Typ der immer behauptet, dass es nicht viele wie dich gibt.
Schon wieder ein toller Bericht.
Cool.
Mit super Hotel zum Abschluss…