Trans Dinarica

Illegal in Mazedonien

von Valentin · 19. Juni 2026 · 4 Min. Lesezeit · Trans Dinarica 2026
Illegal in Mazedonien

Ich habe mir eine eSIM gekauft, die nur in drei der vier Länder mobiles Internet bietet. Wozu das führt? Zeit! Keine Ablenkung, kein Social Media, keine Kommunikation möglich. In Prizren (Kosovo) stehe ich Ewigkeiten in der Fußgängerzone und beobachte Menschen. Auf der Festung Prizren lasse ich den Blick über die Stadt und in die Ferne schweifen, die im Sonnenuntergangsdunst noch schwach die Berge silhouettiert, aus denen ich komme. Das Reisen macht schon etwas mit dem Kopf. So gänzlich „raus“ zu sein und dadurch mentale Klarheit zu bekommen. Ich bin dankbar. Wie klein man sich hier fühlt, nicht mal als Zahnrädchen des Systems, sondern als reisender Beobachter. Vermutlich hätte es mich mit 25 noch gestört alleine im Restaurant zu sitzen. Was denken denn da die Leute? Mittlerweile mag ich es: Alleine mit sich selbst, Fokus auf das leckere Essen. Scheinbar kommt das entsprechende Selbstbewusstsein mit dem Alter.

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Nach ein paar Tagen unterwegs merke ich deutlich, wie sich der Körper auf den neuen Alltag anpasst. Ich kann den ganzen Tag Radfahren und bin nicht mal besonders erschöpft, kein Muskelkater, morgens geht es frisch weiter. Der Körper kann so einiges leisten. Ist es nicht sogar verschenktes Potential, wenn man das im Alltag so selten abruft?

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Tschüss Kosovo!
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Hallo Mazedonien!
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Mein Weg vom Kosovo nach Mazedonien führt über einen kleinen Grenzübergang mit wenig Verkehr. Ausreise im einen Land, Pass zeigen, mürrischer Blick meines Gegenübers, ein paar hundert Meter weiter zur Einreise, dreißig Grad, stickig, verrammelte Baracken, zerfallenes Grenzhäuschen, keine Menschenseele. Was tun? Ohne Stempel im Pass bin ich ein Illegaler und kann an der Grenzkontrolle am Flughafen nicht wieder nach Hause fliegen. Hier ist niemand! Nirgends! Ich fahre 50 km weiter nach Skopje und betrete die erste Polizeistation, um mein Problem zu schildern und vielleicht einen Stempel oder Sondergenehmigung zu bekommen: „Not our problem, goodbye!“. Ein kurzes Abwägen meiner Optionen, viele habe ich nicht gerade, also auf der Schnellstraße (die ich durch meine Routenplanung eigentlich vermeiden wollte) zum nächstgelegenen Grenzübergang zurück, 20 km bergauf, Gegenwind, LKW-Smog, Schotterstraßenstaub. Nach einer Stunde schleiche ich mich um die Grenze herum, versuche hier meine Einreise neu zu simulieren, „what are you doing here?“, „getting a passport stamp for Macedonia“, „ok, go to police there“, Glück gehabt, keiner merkt, dass ich eigentlich schon „da war“, in die Reihe mit den Autos, Pass ins Häuschen, blätter, blätter, Stempel, bumm, jetzt offiziell in Mazedonien, 20 km zurück, bergab, Rückenwind, Skopje, Tagesleistung 173 km und 3000 hm, Hotel, Dusche, letztes Abendessen, herrlich!

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Die verlassene Grenze
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Alexander der Große in Skopje

In einem kleinen Dorf schaue ich zehn Minuten lang vom Straßenrand in die vorbeifahrenden Autos. Mehr als die Hälfte benutzt keinen Gurt, ein definitiv minderjähriges Kind ist an einem Steuer, diverse Fahrer haben Handys am Ohr, von irgendwo riecht man brennenden Müll. Auf dem Bürgersteig steht eine bettelnde Frau mit zwei Kindern (im Alter von Louis und Elisa), das Mädchen in einem sauberen pinken Kleid, aber in ihren Augen sieht man die Armut. Sie spielt gedankenverloren zwischen den Autos mit den Kieseln. Seit ich selber Kinder habe, lässt mich so ein Anblick nicht mehr kalt. In einem weit entfernten Entwicklungsland wäre mir das gar nicht besonders aufgefallen, aber hier sind wir in Europa und Mazedonien ist Beitrittskandidat für die EU. Ich habe das Gefühl hier müsste dafür noch einiges passieren…

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Wellblechhüttenslums am Vardar-Fluss in Skopje

Für den Rückflug besorge ich mir in einem Fahrradladen einen Karton und wie immer ist nun das Problem das Fahrrad und den Karton zum Flughafen zu bekommen. Ich habe noch etwas Zeit und möchte die Strecke radeln, 25 km mit Karton über der Schulter, leider nicht ganz so komfortabel, aber ich habe es mir ja selbst so ausgesucht. Nicht ausgesucht habe ich mir aber, dass die Google-Maps-Karte mich in ein mit Stacheldraht abgesperrtes Militärgebiet führt, ich hier von Soldaten verscheucht werde und es offenbar keine (!) Möglichkeit gibt den Flughafen von meiner Richtung zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen, nur über die Autobahn. Deja vu, Abwägen meiner Optionen, eine Stunde Fahrrad durch Felder mit hüfthohem Gestrüpp pressen, bergauf, bergab, 35 Grad, der Schweiß tropft, zerschrammte Beine, endlich am Flughafen, Halleluja Zivilisation.

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Ich habe viel geschrieben und gezeigt von den nicht so schönen Dingen, aber nicht zu vergessen ist, dass die Landschaften traumhaft sind, wunderschöne Länder, so nah und doch so fern.

Wie immer auf solchen Reisen: ein ständiges Auf und Ab, aber insgesamt hervorragend. Ich würde es wieder tun!

2 Kommentare

  1. RM
    20. Jun 2026

    Was für Strapazen, aber auch Höhepunkte und wieder viele neue Erfahrungen!
    Dann hat sich’s gelohnt!

  2. Felix+K.
    24. Jun 2026

    Hi Valli,

    warum hast du denn nichts gesagt? Ich wäre glatt wieder mitgekommen, hätte zum Schluss aber wahrscheinlich wenigstens den Karton in ein Taxi gesetzt.

    Beste Grüße aus Trondheim!
    Felix

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