Willkommen im Hotel Moskau
Als ich noch ein kleiner Junge war, saß ich oft abends mit im Wohnzimmer, während die Tagesschau lief. Dabei haben sich diese in der damaligen Zeit ständig sich wiederholenden Wörter, wie Bosnien, Sarajevo, Kosovo, Krieg, in mein Gehirn eingebrannt. Vermutlich so wie Lockdown, Aerosole und Maskenpflicht bei den heutigen Kindern. Jetzt bin ich selbst da, mitten in Bosnien und Herzegowina. Aber in Friedenszeiten: In den Bergen in einer muffigen, verrauchten Absteige namens „Hotel Moskau“ mit lauthals Volkslieder grölenden Trunkenbolden in der Lobby. 40% der Erwachsenen Bosnier rauchen täglich. In allen Gebäuden stinkt es nach Rauch. Zum Vergleich, in Deutschland oder Schweiz sind es 15% der Erwachsenen. Verrückt.

Aber von Anfang an: Mir war mal wieder nach einem vernünftigen Abenteuer zumute und dankenswerterweise hat Sarah mir eine einwöchige Abwesenheit gestattet. Mit Kindern ist das ja manchmal nicht so ganz leicht, wenn die Logistik des Alltags eigentlich auf zwei Schultern verteilt ist. Und was macht man so mit einer Woche Freizeit ohne Verpflichtungen? Wellness, laissez-faire, Sonnenbaden am Ballermann, Städtereise mit Kultur? Leider nein, es muss schon etwas mehr anstrengende Extravaganz dabei sein. Bei der Recherche (für eine Woche darf es ja auch nicht zu weit weg sein) finde ich die Trans Dinarica, eine Radfernroute durch die dinarischen Alpen des westlichen Balkans: Nebenstraßen, Schotterpisten, hohe Berge, Einsamkeit abseits des Massentourismus. Klingt traumhaft. Gabelflug gebucht von Zürich nach Sarajevo und zurück von Skopje. 650 km, 12.000 Höhenmeter, vier Länder und nur sechs Tage Zeit. Perfektes Wetter ist für die Woche angekündigt.
Schon der erste Tag soll mich nicht enttäuschen. Ich fliege übermüdet früh morgens los und werde in einer neuen Welt ausgespuckt. Irgendwie anders, aber auch vertraut. Es ist Samstag, in Sarajevo mähen die Leute ihren Rasen und machen Gartenarbeit. Ein Landstreicher sammelt wild wachsende Kirschen. Der Verkehr ebbt ab und schon bald weicht der Asphalt einem groben Schotterweg. Mit kurzen Asphalt-Unterbrechungen geht das jetzt den ganzen Tag so weiter. Schotter, klapper, Schotterrrr, bis alles durchgeschüttelt ist, bergauf, bergab. Zwei Stunden lang sehe ich keinen Menschen. Schließlich passiere ich ein Skigebiet, mit dem Auto nur 40 Minuten von Zürich, und bin dann endlich im landschaftlich attraktiven Berggebiet. Ein ebenfalls radfahrender Einheimischer weist mich nochmal auf die Minensituation meiner Route hin: nicht die Wege verlassen. Nach dem Bosnienkrieg sind noch immer geschätzte 100.000 nicht explodierte Blindgänger im Boden, Warnschilder warnen vor dem Betreten streng kontaminierter Bereiche. Auch das: verrückt.







Endlich wieder ein
Abenteuer nach deinem Geschmack!
Danke, dass du uns teilhaben lässt.
Toller Bericht.
Spannend! So Interessant zu lesen. Gute Reise.