Wie die Sonne über Fujiyama

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Was ein Einfall, acht Stunden bergauf im Nieselregen mit einer schwangeren Beifahrerin. Was bin ich nur für ein Rabenvater. Aber offensichtlich macht es Sarah nicht viel aus, die Regenjacke hält den Regen draußen und die Perspektive für den heutigen Tag steht schon länger fest. Geplante Selbstgeißelung ist erträglicher als spontan-ungeplante Strapazen. Perspektivisch soll sich auch die harte Arbeit lohnen, denn die Nordseite um den Fuji ist ein beliebtes Touristenziel: Die fünf Seen in Bestlage sind ein natürlicher Spiegel für die nahezu perfekte konische Form Japans höchsten und heiligsten Berges.
Doch zunächst erreichen wir unseren ersten offiziellen Campingplatz, während wir aus dem letzten Loch pfeifen, genau wie der regnerische Gegenwind, der uns seine feinen Tropfen ins Gesicht drückt. Die Handgriffe sitzen, das Zelt steht im Nu. Für 10 Euro teure Duschmarken waren wir natürlich zu knauserig und essen stattdessen unser spärliches Abendbrot im Halbdunkel, während uns Grillgeruch der königlich ausgestatteten japanischen Wochenend-Touristen um die Nase weht.
Nach einer langen Nacht stehen wir zum Sonnenaufgang auf und was ist das nur für ein Morgen! Wir wussten im Dunkel nicht, wie es hier ausseht, zudem war alles in dichten Nebel gehüllt. Nun ein Bilderbuch-Ausblick: Das Zelt direkt am Ufer, wohlig-warme Morgensonne auf 1000m Höhe, zwischen Tandem und Zelt eingerahmt der Mount Fuji, umgeben von nur ein paar wenigen Puffwölkchen.

Zelten am Fuji

Wir brechen wenig später auf und erkunden mit dem Rad drei weitere Seen. Wir sind jetzt im Urlaubsmodus, die großen Etappen sind geschafft, die Höhenmeter auf dem Guthabenkonto. Was aussteht, ist die Abfahrt nach Tokio. Und zunächst der Genuss von Abgeschiedenheit und Natur.

Mit dem Fahrrad an den Fuji Five Lakes

Szenenwechsel, zwei Tage später. Das sprunghafte Wetter ringt uns die opportunistische Entscheidung zu einer Hotelübernachtung ab. Wir betrachten einen stundenlangen Regenguss, der in unseren Breiten überflutete Keller en masse hervorrufen würde. Unaufhörliche Bänder aus Wasser schießen aus dem Himmel und prasseln Lautstark auf das Dach der Hotellobby.
In unseren traditionellen Yukatas laufen wir daher ein paar Meter zum Hotel-Onsen, ein traditionelles japanisches Bad mit enorm wichtiger Benimm-Etikette. Wir betreten also den nach Geschlechtern getrennten Badbereich, entkleiden uns im Vorraum völlig und gehen dann durch eine Glastür weiter. Zehn Wasserhähne und Duschbrausen an der Wand, davor Sitzhöcker für Lilliputaner. Man ist dazu angehalten sich nun in penibler Feinarbeit sorgfältigst zu reinigen. Die Japaner tun das in absurder Akribie – jeder Quadratzentimeter Haut wird mehrfach eingeseift, geschrubbt, abgespült. Nach fünf Minuten, die ich nur als Alibi so lange ausgedehnt habe, springe ich dann mit einer Arschbombe ins eigentliche Bad.
Nein, natürlich nicht. Absolute Ruhe ist angesagt. Onsen steht für Bäder, die von einer Heißwasserquelle gespeist werden. In der kleinen Badewanne für eine Hand voll Personen liege ich genüsslich und kann durch die Panoramascheibe auf den See, den Ort Fujikawaguchiko und die Silhouette des majestätischen Berges blicken. So döse ich dahin und mache mir eine innerliche Notiz die japanische Badekultur zu würdigen, voller Hoffnung, dass die plätschernde Frischwasserzufuhr von Flatulenz abzulenken vermag.

Fuji-Ausblick im Onsen

Am letzten Tag in der Fuji-Region gehen wir am See Yamanaka wandern. Ich frage mich warum, denn wieso sonst hat Gott uns das Fahrrad geschenkt? Die Antwort ist: Sarah. Naja, vielleicht gar nicht so schlecht mal die Beine für etwas anderes als stupides Treten zu verwenden. Aus dem kleinen Spaziergang wird schließlich eine ausgedehnte Wanderung mit vielen Höhenmetern, Schlamm und steilen Passagen. Am Ende steht ein toller Ausblick am Gipfel und zwei glückliche Glückspilze. Kurze Katzenwäsche am Fluss, dann der Abstieg und der letzte Wildcampingplatz mit Fuji-Blick. Das Leben kann so schön sein.

Sonnenuntergang am Fuji

Zelten am Fuji


4 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ohhh wie schön! Ihr macht uns leser auch zu Glückspilzen!
    PS: Hab mir die Arschbombe gerade vorgestellt- da nimmst du sie wieder zurück- hm- schade eigentlich!

  2. Wenn die Sonne untergeht, gehen die Lichter an in der Stadt, die niemals schl ft. Egal wo man sich befindet, ob im Gewusel Shibuyas, der Ecke f r Technik-Freaks Akihabara oder im gesch ftige Shinjuku. Wir lieben es, in dieses Neon-Spektakel einzutauchen und uns einfach treiben zu lassen. Tokio ist eine der sichersten St dte der Welt, weshalb es kein Problem ist, w hrend der Dunkelheit unterwegs zu sein. Wer Tokio by Night nicht gesehen hat, der war nicht in Tokio, finden wir.

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